Die Zukunft ist näher, als wir glauben.
Warum Künstliche Intelligenz Wirtschaft, Arbeit und Gesellschaft schneller verändern wird als jede Technologie zuvor.
Strukturierte Zusammenfassung des Vortrags von Zack Kass beim NIM Market Decisions Day 2024.
Zack Kass’ Kernthese: Wir stehen nicht vor einer normalen Technologiewelle, sondern vor der wahrscheinlich tiefgreifendsten industriellen Revolution der Menschheitsgeschichte. AGI – also künstliche allgemeine Intelligenz – könnte für die Menschheit eine ähnliche Zäsur werden wie Feuer, Rad, Elektrizität oder Internet. Aus seiner Sicht wird man langfristig von einer Welt „vor AGI“ und „nach AGI“ sprechen.
Er ordnet den Vortrag in vier Bereiche: Wo stehen wir? Wie sind wir hierhergekommen? Wohin bewegen wir uns? Und wie bereiten wir uns darauf vor?
Der wichtigste technische Hintergrund ist für ihn die Transformer-Architektur. Sie wurde 2017 im Paper „Attention Is All You Need“ von acht Google-Forschern beschrieben. Diese Architektur machte moderne große Sprachmodelle erst möglich. Dazu kamen drei weitere Faktoren: massiv mehr Rechenleistung, gewaltig mehr verfügbare Daten und ein wissenschaftliches Umfeld, in dem Forschungsergebnisse relativ offen geteilt wurden. Erst diese Kombination führte zu GPT-3, später ChatGPT und GPT-4.
Ein starker Punkt seines Vortrags: Die heutigen KI-Systeme wirken für viele neu, sind aus Forschungssicht aber schon wieder alt. Sam Altman habe GPT-4 einmal als „boring“ bezeichnet, nicht weil es schwach sei, sondern weil die Forschung längst weiter ist. Kass’ Botschaft: Wir unterschätzen gleichzeitig, wie weit KI schon ist – und wie früh wir trotzdem noch stehen.
Wirtschaftlich sieht Kass bereits messbare Effekte. Unternehmen, die KI einsetzen, verbesserten laut einer von ihm erwähnten Studie ihre Profitabilität um rund 12 Prozent. Gleichzeitig sinken die Kosten für KI-Nutzung dramatisch. Er betont besonders den Preisverfall pro Million Tokens. Für ihn ist das entscheidend: Wenn eine kritische Ressource so schnell billiger wird, folgt historisch oft ein wirtschaftlicher Schub. So wie früher Stromverbrauch oder Internetnutzung ein Maß für wirtschaftliche Entwicklung waren, könnte künftig der Verbrauch von KI-Tokens ein Indikator für Produktivität und Wohlstand werden.
Seine Zukunftsvision ist sehr optimistisch. Kass spricht von einer Bewegung in Richtung „abundance“, also einer Welt geringerer Knappheit. Er glaubt, dass KI zentrale Bereiche wie Medizin, Energie, Bildung und Forschung massiv beschleunigen wird. Er erwartet wissenschaftliche Durchbrüche bei Krebs, neurodegenerativen Erkrankungen, neuen Antibiotika, Nanotechnologie, Quantencomputing und Fusionsenergie. Seine Zeitachse ist ambitioniert: AGI bis etwa 2030, große wissenschaftliche Fortschritte innerhalb der nächsten 10 bis 20 Jahre.
Ein wichtiger Gedanke ist die Unterscheidung zwischen technologischem und gesellschaftlichem Schwellenwert. Die technische Frage lautet: Was kann eine Maschine? Die gesellschaftliche Frage lautet: Was wollen wir einer Maschine erlauben? Am Beispiel des Aufzugs zeigt er, dass Technik oft früher bereit ist als die Gesellschaft. Menschen mussten erst lernen, Aufzüge zu akzeptieren. Ähnliches sieht er heute bei autonomen Fahrzeugen. Diese könnten sicherer sein als menschliche Fahrer, werden aber gesellschaftlich noch stark abgelehnt. Menschen tolerieren menschliches Versagen viel eher als Maschinenversagen.
Bei der Entwicklung von KI unterscheidet Kass drei Phasen. Die erste Phase erleben wir jetzt: KI als App oder Anwendung, die man bewusst öffnet und nutzt. Die zweite Phase sind autonome Agenten: KI-Systeme, denen man Ziele gibt und die dann selbstständig Aufgaben erledigen, etwa Reisen buchen oder Termine organisieren. Die dritte Phase ist ein KI-basiertes Betriebssystem, bei dem KI viel tiefer in Hardware, Alltag und Arbeitsumgebung integriert ist. Langfristig erwartet er Wearables und später möglicherweise eingebettete Systeme. Er vermutet, dass KI eher wie eine Versorgungsinfrastruktur wird – ähnlich wie Strom oder Internet – und weniger wie eine einzelne App.
Trotz seines Optimismus benennt Kass drei große Risiken.
Erstens: „Idiocracy“. Er fürchtet, dass Menschen durch KI und hyperpersonalisierte Inhalte intellektuell abbauen könnten. Wenn KI extrem gute, perfekt zugeschnittene Inhalte erzeugt, werden Smartphones und Social Media noch süchtigmachender. Besonders kritisch sieht er Kinder und Smartphones. Sein Satz ist ziemlich eindeutig: Kindern hätte man Smartphones nie geben sollen; man solle sie ihnen so schnell wie möglich wieder wegnehmen.
Zweitens: Identitätsverlust durch veränderte Arbeit. Kass glaubt nicht, dass KI einfach alle Jobs vernichtet. Historisch haben industrielle Revolutionen eher neue und bessere Jobs geschaffen. Das Problem sei weniger wirtschaftlich als emotional. Menschen verbinden ihre Identität stark mit ihrer Arbeit. Wenn sich Arbeit ständig verändert, verlieren viele nicht nur Aufgaben, sondern auch ein Stück Selbstverständnis. Er nennt das nicht „job displacement“, sondern „identity displacement“.
Drittens: das Alignment-Problem. Seine Sorge ist nicht, dass Maschinen plötzlich Menschen hassen. Das Problem liegt in unbeabsichtigten Folgen. Eine KI kann eine Aufgabe erfüllen und dabei Schaden anrichten, wenn sie nicht auf menschliche Werte und Kontexte ausgerichtet ist. Sein Beispiel: Ein Roboter soll eine Wasserflasche holen und bringt sie tatsächlich zurück. Aber vielleicht hat er unterwegs Türen beschädigt oder jemandem die Flasche weggenommen. Die Frage lautet deshalb: Können wir Maschinen beibringen, Aufgaben effektiv zu erfüllen und zugleich die menschliche Erfahrung zu berücksichtigen?
Für die Vorbereitung gibt Kass mehrere konkrete Empfehlungen.
Man soll KI nicht mehr grundsätzlich hinterfragen, sondern ausprobieren. Die Frage sei nicht mehr „Soll ich KI nutzen?“, sondern „Welche KI sollte ich wofür nutzen?“ Sein einfachster Rat: Eine KI-App öffnen, sich selbst und die eigenen Aufgaben beschreiben und fragen: „Wofür sollte ich dich nutzen?“
Zweitens: Lernen zu lernen wird zur wichtigsten Fähigkeit. Kass hält die konkrete Studienrichtung oder Fachausbildung für weniger entscheidend als die Fähigkeit, sich immer wieder für neue Themen zu interessieren und sich schnell einzuarbeiten. Neugier und geistige Beweglichkeit werden wichtiger als einmal erworbenes Wissen.
Drittens: Menschen sollten ihr Leben und ihre Arbeit um die Dinge herum gestalten, die KI nicht gut kann. Dazu zählt er menschliche Eigenschaften wie Mut, Neugier, Freundlichkeit, Empathie, Urteilsvermögen, Anpassungsfähigkeit und echtes kritisches Denken. Seine These: KI macht Menschen nicht weniger menschlich, sondern zwingt uns, stärker auf das zu schauen, was uns wirklich menschlich macht.
Sein Schlussgedanke ist stark optimistisch. Kass glaubt, dass heute der beste Tag in der Geschichte ist, um geboren zu werden – und dass morgen noch besser sein kann. Er kritisiert, dass unsere Kultur fast nur dystopische Zukunftsbilder produziert. Kaum jemand könne einen utopischen Lieblingsfilm nennen, weil wir solche Geschichten kaum erzählen. Er fordert deshalb dazu auf, positive Zukunftsbilder ernsthaft zu entwickeln: eine Welt mit geheiltem Krebs, KI-Tutoren für jedes Kind, KI-Ärzten für jeden Menschen und stark sinkenden Kosten für Waren und Dienstleistungen.
Die zentrale Erkenntnis des Vortrags:
KI ist für Kass nicht nur ein Werkzeug zur Effizienzsteigerung. Sie ist eine historische Infrastrukturtechnologie, die Arbeit, Wissenschaft, Bildung, Medizin, Wirtschaft und Selbstverständnis des Menschen verändert. Die größte Herausforderung liegt nicht nur in der Technik, sondern darin, ob Menschen gesellschaftlich, emotional und kulturell schnell genug mit dieser Veränderung mitkommen.